Apu Magazine, 04.August2006, Finnland















Tarja Turunen´s glücklicher Sommer
Mit Marcelo kann ich ich selbst sein


Wo auch immer Tarja Turunen sich gerade aufhält ist auch Marcelo Cabuli nicht weit. Das Paar hatte schon lange von einer Zeit geträumt, zu der sie 24 Stunden am Tag zusammen sein können. Nun ist dieser Traum wahr geworden und Tarja fühlt sich freier als je zuvor.

Am Tag zuvor ist Marcelo mit einem Blumenstrauß von seiner Fahrt zum Postamt zu Tarja nach Hause gekommen. Seit ihrer Hochzeit in der Kirche von Kitee sind drei Jahre vergangen.
"Wir hätten den Hochzeitstag völlig vergessen, wenn nicht Marcelo´s Eltern ihre Glückwünsche per Email geschickt hätten" , lacht Tarja. Besonders ihre 75 - jährige Schwiegermutter wird die Hochzeit ihres Sohnes und ihre erste Reise nach Finnland nie vergessen.
"Die ersten zwei Tage hat sie nur geweint, weil sie so glücklich war, in Finnland zu sein. Sie meinte, sie hätte noch nie eine so schöne Natur und soviel Frieden erlebt wie hier." Marcelo muss seiner Mutter nicht erklären, warum er nun auch in Kuusankoski lebt und plant, in Zukunft ganz in Finnland zu bleiben. Und genauso gut wie das Land, gefällt ihr auch ihre finnische Schwiegertochter.
"Ich war für sie die beste Wahl aller Heiratskandidatinnen oder zumindest die einzige, die sie befürwortet hat. Das mag auch daran liegen, dass ich damals kein Spanisch gesprochen und deswegen nur gelächelt habe. Jetzt nennt sie mich ihr Tochter. Sie ist eine sehr starke Frau auf argentinische Weise, denn dort ist die Mutter die Chefin des Hauses.

Die Katze aus dem Sacky

Auch wenn Marcelo Tarja´s Manager ist, hat er keine Ahnung von was sie spricht. Er versteht nicht ein einziges Wort. Seine Frau kann auf finnisch erzählen, was sie für richtig hält. Marcelo hat zuvor schon angekündigt, dass er abseits bleiben möchte, und nun sitzt er in Kuusankoskitalo´s Café an einem benachbarten Tisch und schreibt Emails nach Buenos Aires. Seine Frau ist der Star der Familie, nicht er. Ist dies das Verhalten eines richtigen Machos ? Angesichts dieser Frage bricht Tarja in schallendes Gelächter aus.
"In der Tat ein richtiger Macho ! Aber einer, der seine Frau strahlen lässt. Ich habe schon einige richtige Machos getroffen, aber Marcelo ist wirklich ein ganz normaler, liebenswerter und bodenständiger Mann." Natürlich hat der freundliche und höfliche Marcelo auch viel des südamerikanischen Temperaments, aber davor muss man keine Angst haben. Denn auch wenn die Argentinier manchmal über die Stränge schlagen, können sie auch ihre Gefühle zeigen und darüber sprechen.
"Marcelo hat mir beigebracht, meine Emotionen zu zeigen und frei darüber zu sprechen. Wir können uns immer alles direkt sagen. Und wir lassen die Katze immer sofort aus dem Sack, anstatt vor uns hinzuschmollen.

Keine völlig normale Beziehung

Im Moment verbringt das Paar 24 Stunden am Tag zusammen und Tarja kann sich keine bessere Situation vorstellen. Natürlich hat sie gehört, dass es für ein verheiratetes Paar von Vorteil wäre auch Zeit getrennt voneinander zu verbringen. Nicht jeder sieht dieses intensive Zusammensein als normal an.
"Es ist nicht völlig normal, aber unsere Beziehung ist auch keine gewöhnliche. Vor fünf, sechs Jahren, als wir Monate getrennt voneinander verbringen mussten, haben wir von diesem Zustand geträumt. Natürlich haben wir uns daran gewöhnt, allein zu sein, aber für mich war besonders der Abschied immer sehr hart." Schon jetzt fühlt Tarja, dass das ständige Zusammensein nur gut für sie ist.
"Zusammen sind wir am stärksten und fühlen uns am besten. Durch Marcelo fühle ich mich frei und ich kann ich selbst sein, auch mit meinen Schwächen. Marcelo weiß alles über mich und ich weiß alles über ihn. Er hört mir zu und unterstützt mich und ich fühle mich wirklich nicht wie eine Marionette oder Barbiepuppe."
Als Marcelo am Tag zuvor zum Fußballspielen ging, hat ihn Tarja als Zuschauerin begleitet. Heute haben sie vor, mit Freunden Tauchen zu gehen.
"Was man in finnischen Gewässern sehen kann ? Barsche, Rotaugen, Zander und selten auch mal einen Lachs. Natürlich gibt es hier nicht dieselbe Farbenpracht wie in Argentinien oder Thailand, aber das macht nichts. Die Farben sind nicht das wichtigste, wenn man unter Wasser ist. Aber wir haben eine Reise an die Küste Venezuela´s für nächsten Februar gebucht.
Nächsten Winter wird Tarja Marcelo zum Eisschwimmen mitnehmen. Wenn ihn eine Sache in Finnland erstaunt hat, so ist es das Schwimmen inmitten von Eis und Cross - Country Skiing. Ice Skating war eine weitere Sache, die ihn verwundert hat, aber sie haben es letztes Jahr ausprobiert.
"Der Winter in Finnland schreckt Marcelo nicht ab. Im Gegenteil, er liebt den Schnee und die Kälte. In Argentinien ist der Winter feucht und die Kälte geht einem durch und durch. Das einzige, was Marcelo an Finnland nicht mag, sind die Mücken. Aber alles andere liebt er. Aber ich möchte auch nicht, dass er sein eigenes Heimatland vergisst. Das ist ja auch für mich wichtig geworden."
Ihr Ehemann war auch ihre Unterstützung, als Tarja nervös war mit dem Sänger Raimo Sirkiä die Bühne beim Olavinlinna Konzert zu betreten. Letztendlich war die Vorstellung exzellent und wurde von den Kritikern gelobt, aber zuvor war Marcelo der einzige, der ihr das versichern konnte.
"Er hat mich beruhigt und hat mir schon Monate zuvor gesagt, dass ich ich selbst sein sollte, wenn ich die Bühne betrete. Wenn du du selbst bist machst du alles brilliant. Ich war aber immer noch nervös, bis ich mich nach dem ersten Song entspannte. Das ist jedes Mal so."
Es sagt viel über den Erfolg eines Konzertes aus, wenn das begeisterte Publikum die Künstler fünf Mal zurück auf die Bühne applaudiert. Es gab aber mindestens eine Person im Publikum, die viele Tränen vergoß.
"Meine erste Lehrerin für klassischen Gesang während ich auf die Senior High School in Savonlinna ging. Ich war dort drei Jahre bis zu meinem Abschluss. Das waren wundervolle Jahre in einer wundervollen Stadt, die sich mit Wintereinbruch immer in etwas völlig anderes verwandelte. Während dieser Zeit wurde ich auch unabhängig, da ich zum ersten Mal weg von Zuhause lebte.
Nach dem Olavinlinna Konzert meinten einige, dass es nur wenigen Sängern vergönnt sei, ihr Debut auf Olavinlinna´s Hauptbühne während der Savonlinna Opernfestspiele zu geben. Doch es war nicht das allererste Mal für Tarja.
"Als ich gerade 19 war, habe ich im Opera Festival Chor gesungen, was für ein junges Mädchen eine ziemlich große Sache war. Auch wenn sie in der Burg seitdem einige Veränderungen vorgenommen haben, fühlte sich die Bühne und die Räume dort immer noch vertraut an und brachten einige schöne Erinnerungen zurück. Schon in der Schule und als ich ein kleines Kind war, spielte Musik eine wichtige Rolle in meinem Leben", erzählt Tarja.
Seit sie drei war, wurde sie als das Mädchen von Kitee bekannt, das auf jeder kleinen und großen Feier sang.
"Ich bin zum ersten Mal mit drei Jahren öffentlich aufgetreten und habe kurz vor Weihnachten im Kirchensaal von Kitee "En etsi valtaa loistoa" gesungen. Ich war so klein, dass ich mich auf einen Tisch stellen musste, sonst hätte zwar jeder die Stimme gehört, aber niemand die Sängerin gesehen."
Nach ihrem Abschluss ging Tarja auf die Sibelius Akademie in Helsinki, um drei Jahre später die Musikhochschule in Karlsruhe zu besuchen.
"Mir ging es damals nicht um den großen Erfolg, sondern nur um die Liebe zum Gesang. Ich wollte lernen, meine Stimme richtig einzusetzen. Dann geschahen einige unerwartete Dinge in meinem Leben und ich kann nicht sagen, wo ich heute ohne Nightwish wäre. Ich zweifle daran, dass ich Kantorin geworden wäre, auch wenn ich das einmal geplant hatte.

Kein Bedarf an Luxus

Nun sind sie aus Savonlinna zum Alltagsleben nach Kuusankoski zurückgekehrt, wo Tarja und Marcelo sich vor drei Jahren häuslich in Finnland einrichteten und wo sie auch planen in Zukunft zu bleiben. Ihre engen Freunde leben hier ebenfalls, die sie auch jederzeit unangemeldet besuchen können.
"Meine beste Freundin aus der Sibelus Akademie ist von dort und wird dort als Kantorin arbeiten. Vielleicht bin ich zu vorsichtig darin geworden, neue Freunde zu gewinnen", sagt Tarja.
In Kuusankoski kann sie in Frieden leben. Dort lächeln die Leute der ehemaligen Nightwish - Sängerin nur freundlich zu, die noch vor einem Jahr Begeisterungsstürme im Publikum auslöste.
"Uns fasziniert hier auch die Ruhe und die Natur. Marcelo und ich sind wahre Naturmenschen", sagt Tarja.
Das kleine Reihenhaus des Paares wurde schon fotografiert und man wunderte sich darüber. Sollte ein Nightwish - Star nicht ein eindrucksvolleres, prächtiges Haus besitzen ? Doch warum sollte sie Luxus anhäufen, wenn sie keinen Wert darauf legt. Sie denkt auch, dass das Haus gar nicht klein ist, sondern genau die richtige Größe für sie und Marcelo hat. "Bei einem größeren Haus müsste man zuviel saubermachen. Marcelo hat eine Hausstauballergie und das erste, was wir machen müssen, wenn wir von einer Reise zurückkommen, ist Staubsaugen. Wir machen die Hausarbeit immer zusammen. Einer saugt Staub und der andere putzt das Haus. Wir haben keine Putzfrau. Es wäre für mich kein Luxus, wenn jemand anderes mein Haus putzen würde. Das macht man besser selbst.
In Buenos Aires haben sie aber den Landesgewohnheiten nachgegeben.
"Dieselbe Frau, die Marcelo´s Büro putzt, macht auch unsere Wohnung dort sauber. Sie hat viele Kinder, die sie versorgen muss und sie macht ihre Arbeit gut. Außerdem sind die Wohnungen dort anders ausgestattet als in Finnland. Wir haben dort z. B. keine Waschmaschine. Die Wäsche wird dort für ein paar Euros direkt von der Haustür abgeholt und nach ein paar Stunden gewaschen und zusammengelegt wieder zurückgebracht."
Ansonsten lebt das Paar in Argentinien auch nicht luxuriöser als in Finnland.
"Eine Wohnung mit drei Zimmern und einer Küche reicht uns völlig aus. Obwohl wir manchmal davon träumen ein größeres Haus zu bauen, wo ich auch Raum zum singen habe. Aber selbst dann würde ich keine Zimmer haben wollen, die wir nicht benutzen."
Aber Kinder hätten doch zum Beispiel Platz in den leeren Zimmern.
"Ich werde im August 29 und meine Uhr tickt noch nicht. Marcelo ist allerdings älter als ich, schon 36. Aber wir haben diesbezüglich noch keine Pläne. Zeit für Kinder ist es dann, wenn das eigene Leben im Gleichgewicht ist. Und selbst dann, sollte man sie sich nicht einfach so anschaffen.

Einige Rückschläge

Bereits in Savonlinna haben die Finnen bemerkt, dass es die unnahbare Gothic Prinzessin von Nightwish nur noch auf Albumcovern und Videos gibt. Tarja´s schwarzes, glattes Haar hat sich in braune Wellen verwandelt und das zum Hardrock passende Makeup hat natürlichen Farben Platz gemacht. Sogar die grünen Augen scheinen sanfter zu funkeln. "Ich bin immer noch ein wenig auf der Suche nach meinem neuen Stil, aber das macht mir Spass. Das Erscheinungsbild ist Teil des Images einer Sängerin und deswegen auch wichtig", sagt Tarja.
Metal Rock gehört auch was ihr Solo Album anbelangt der Vergangenheit an. Für das Album werden gerade Songs verschiedener Komponisten ausgewählt. Letzte Woche kamen einige Leute von German Universal nach Kuusankoski, um das neue Album zu planen, an dem sie nächstes Jahr arbeiten wird.
"Auf diesem Album wird sich diejenige Tarja vorstellen, die ich in Zukunft sein möchte. Es war eine große Herausforderung für mich, für nächstes Jahr noch keine Konzerte zu planen. Das Album wird weder ausschließlich Rock noch Klassik sein, sondern Elemente aus verschiedenen Musikrichtungen beinhalten."
Wenn es nötig sein sollte, werde ich auch ein paar härtere Elemente verwenden, und ich denke einige meiner Fans würde das freuen. Aber ich möchte mich an jedem Schritt selbst beteiligen, sei es jetzt bei den Arrangements oder beim Schreiben der Lyriks", sagt sie.
Tarja sieht sich noch nicht bereit für eine Rolle in der Oper, aber sie wäre an einer Rolle in einem Musical interessiert und hat auch schon einige Angebote bekommen.
"Momentan konnte ich wegen Zeitmangel noch keines davon annehmen. Die Oper würde bedeuten, dass ich noch viel lernen und meine Stimme weiterentwickeln müsste, und ich habe momentan keine Zeit dafür. Ich habe eine sehr nette Lehrerin in Buenos Aires, Marta Blanco, aber manchmal sehe ich sie monatelang nicht. Als Tarja letzten Frühling für ihren Auftritt in Savonlinna geübt hat, hat sie nicht einmal gewagt ihrer Lehrerin zu sagen, an welchem Ort und vor welchem Publikum sie diese Lieder singen würde.
"Ich freue mich auf die Rückkehr nach Argentinien im Herbst. Und ich fühle mich für die Arbeit, die ich getan habe, belohnt."
Auch wenn dieser Sommer nicht ohne Rückschläge vorübergegangen ist.
"Als Argentinien die Fußballweltmeisterschaft verloren hatte, haben wir uns ziemlich geärgert und Marcelo hat zwei Tage lang getrauert. Wir haben die Weltmeisterschaft ziemlich nah verfolgt und ichglaube, wir haben nur zwei Spiele verpasst."

Deutsche Übersetzung von Melanie
(Englische Übersetzung von Afrodite)

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