Close-Up Schweden 06+07-04 #67
Tarja Turunen ist innerhalb kurzer Zeit zu einem Weltstar gewachsen. Der Weg dahin war jedoch gesäumt durch innere Streitigkeiten bei Nightwish,
einer zerbrechlichen Gesundheit und Verfolgungen durch die finnische Presse. Während der exclusiven Fotosession in der Königlichen Oper in Stockhom
bekamen wir einen Einblick in die Gedankengänge der Primadonna.
An diesem Samstag badet Stockholm im Sonnenschein. Auf der Brücke und den Durchgangsstraßen rund um die Drottninggata und dem Reichstagsgebäude
drängen sich neuangekommene Touristen. Außerhalb der prächtigen Fassade der Königlichen Oper rollen die rosa und gelben Sightseeingbusse in einer
wie es scheint endlosen Karawane.
Innen herrscht inzwischen ein ganz anderer Typ von Wärme denn ein Finnischer Weltstar strahlt mit den Wegen und Kristallkronen im Goldfoyer
um die Wette. Sämtliche öffentliche Räume der Oper haben eine kostspielige und spektakuläre Einfassung, aber erst wenn man das Goldfoyer
erklimmt versteht man, warum Stockholms Opernhaus eines der beliebtesten der Welt ist. Die Gesamtrenovierung 1987 - als diese
Versammlungsräume wieder in den Zustand gebracht wurden den sie ursprünglich bei der Einweihung 1898 hatten - trägt natürlich dazu bei.
Der vergoldete Stuck über den Gängen und der Decke gibt dem 28 Meter langen und 8 Meter breiten Raum (größenmäßig angepasst für den geeigneten
Gebrauch) eine intensive und eitle Einrahmung die durch enorme Spiegel, pompöse Kristallleuchter und Gardinen und Möbelüberzüge in florentinischem
Goldbrokat komplettiert wird.
Auf einem dieser Sofas liegt Martin Carlsson zufällig auseinandergebreitet um einen geeigneten Bildwinkel zwischen
Anna Ledin-Ehrencronas kontrollierten Blitzen, Schärfentiefe und Lichtverhältnissen zu finden. Close-Ups Starreporter ist an diesem Tag
in seiner Rolle als Visionär und Fotografieassistent eingebunden. Sein ursprünglicher Plan, dass die Sängerin in einer blutgefüllten
Badewanne liegen sollte verwarf das Nightwish Management mit dem Argument: "Mit so etwas geben sich vielleicht norwegische und schwedische
Black Metal Bands ab."
Das hindert Tarja Turunen nicht daran folgsam seinen und Annas Anweisungen zu gehorchen und weltgewandt zu posieren,
während sie ein Stück summt, dass man als Komposition des finnischen Liedkomponisten Yrjö Kilpinen kennt.
"Solche mächtigen Gebäude machen mich ziellos" sagt Tarja in einer Pause zwischen den Fotos. "Ich habe niemals etwas Vergleichbares gesehen.
Natürlich bin ich in Opernhäusern gewesen, die nach den gleichen architektonischen Ideen gebaut sind - z.B. in Buenos Aires- aber die sind
oft viel kleiner und längst nicht so luxuriös wie dieses."
Die Nightwish-Sängerin war seit der Rückkehr von ihrer Südamerika-Tournee nur zu Hause in Kuusankoski und eilte wiederholt auf dem Weg auf das
Close Up Cover in ein mittagshektisches Stockholm. Die Reise, die sie gemeinsam mit 3 finnischen Universitätsfreunden gemacht hat, trug die
Freunde nach Chile und Argentinien und ließ sie während des Auftritts Liedgesang - ursprünglich eine deutsche Bezeichnung für
einheimische Weisen, aber auch eine eher allgemein gehaltene Bezeichnung für instrumental begleiteten Sologesang aus dem 19. und 20. Jahrhundert -
aufführen.
Der oben erwähnte Yrjö Kilpinen war während seiner Lebenszeit bis 1959 Finnlands bekanntester Komponist und hatte seine Inspiration in dieser Liedform.
"Nur wir drei und ein Pianist traten in kleinen Opernhäusern und großen Hörsälen auf", berichtet Tarja als wir uns eine Stunde vorher in einer der
geräumigen Damentoiletten der Oper treffen, wo sie sich für das Shooting vorbereitet.
"Natürlich gab es im Publikum eine Menge Nightwish-Fans, aber es war auch erstaunlich viel Publikum da, das gewöhnlich auf große
Opernaufführungen geht, da und hat zugehört. Oft kommen sie, weil da irgendein ausländischer Künstler ist, der auftreten soll und viele von
ihnen kannten meinen Hintergrund nicht. Wenn sie zu wissen bekamen, dass ich eigentlich in einer Metal-Band singe, regten sie sich darüber auf!"
Die Visagistin Kristina Pettersson trägt Mascara auf Tarjas untere Wimpern auf, daher fand der Augenkontakt ausschließlich über den großen Spiegel
vor uns statt. "Ich werde jedes Mal gewaltig inspiriert, wenn ich merke, dass es ein Opernpublikum gibt, das es schätzt, was ich bei Nightwish mache.
Die Kultur zwischen Oper und klassischer Musik ist so konservativ, dass es ungewöhnlich ist, Komplimente zu bekommen,
wenn man auf irgendeine Art und Weise heraussticht", sagt sie und ist sichtlich entrüstet.
"Aber ich habe ziemlich schnell gelernt darüber hinwegzusehen, es gibt keinen Grund für mich so eine Kritik anzunehmen.
Zum Teil weil sie unbegründet ist, zum Teil weil ich die Sicherheit in meiner Karriere mit Nigthwish erkenne."
"Wir haben auch vergleichbare kleine Tourneen in Rumänien gemacht und da ist die Einstellung eine ganz andere.
Da passierte es, dass geschulte und respektierte Opernstars nach dem Konzert zu mir gekommen sind und sagten, dass es hinreißend ist,
dass ich etwas anderes mache und mit den Traditionen breche."
"Irgendwann während der Einführung von "Wishmaster" (Spinefarm, 2000) begann der Zirkus um Nightwish im allgemeinen,
nicht zuletzt dank des Erfolges in der Finnischen Auswahl für den European Song Contest, an dem die Band mit dem Song "Sleepwalker" teilnahm
(den es auf der limitiert herausgegebenen Ausgabe von "Wishmaster" gibt). Die finnische Presse richtete ein massives Interesse auf
das Kitee-Quintett und nicht zuletzt Tarja empfand, dass die Situation sie zusammenbrechen ließ.
Die Lösung für Tarja war nach Deutschland umzuziehen, genauer gesagt nach Karlsruhe. Teilweise in der Absicht ihr Privatleben zu schützen
und ihre Integrität zu waren, teilweise um an der renommierten Musikhochschule zu studieren und dadurch ihre Gesangstechnik zu verfeinern.
"Ich wurde mehr oder weniger zu diesem Schritt gezwungen", meint sie. "Die Situation in Finnland war nicht mehr zum aushalten -
alle Journalisten hingen an mir wie Geier und bewachten jeden Schritt, den ich machte - und ich kam zu der Einsicht, dass ich mich in Finnland nicht als
Sängerin entwickeln konnte. Außerdem erkannte ich eine große Angst davor, dass mein Privatleben zu sehr offengelegt wurde,
speziell in all diesen Klatschzeitungen die reine Lügen als gute "Neuigkeiten" verkaufen.
"Bist du in der finnischen Klatschpresse viel dargestellt worden?"
"JA, natürlich. Aber das waren überwiegend eher niedliche Sachen, es kamen Fotografen, um mein Haus zu fotografieren und berichteten,
dass mein Mann Multimillionär sei und so was. Ganz ungefährliche Sachen. Obwohl es letztendlich nicht lustig ist sein Privatleben so aufgedeckt
zu sehen, unabhängig davon, ob es reine Lügen sind oder ob sie etwas schreiben, das tatsächlich stimmt."
Tarjas Mann selbst ist eigentlich ein argentinischer Direktor einer Schallplattenfirma. Marcelo Cabuli betreibt seit einigen Jahren
NEMS Enterprises in Buenos Aires, die unter vielem anderen den Vertrieb von Spinefarm-Produkten in Südamerika betrieben.
Sie haben vor etwa anderthalb Jahren geheiratet und während der Aufnahmen in der schwedischen Hauptstadt agiert er als persönlicher Assistent,
was beinhaltet, dass er unter anderem die Kleidung glättet, die sie bei sich hat.
Als offiziell wurde, dass Tarja umzog, begannen natürlich die Gerüchte zu zirkulieren - Nightwish trennt sich?"
"Es hat mich mehrere Jahre gekostet zu erklären, dass ich nicht plane die Band zu verlassen. Die Sache war, dass wir zum gleichen Zeitpunkt
einen großen Mangel an Kommunikation unter den Bandmitgliedern hatten. Tuomas (Holopainen, Keyboard) hatte großen Streit und
Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen Bassisten Sami Vänska, was dazu führte, dass Sami die Band verließ und zusätzlich hatten
wir einen großen Teil an wirtschaftlichen Problemen, es war also schon eine anstrengende Zeit. Alles passierte gleichzeitig und die
Leute zogen daraus ihre eigenen Schlüsse."
Kristina verwendet einen Baumwollstück um den Mascara abzuwischen, der unter das eine Auge geraten ist. Dann nimmt sie einen Rougepinsel
und versieht Tarjas Wangen mit einer schwachen tiefroten Nuance.
"Aber auf der anderen Seite bin ich es, die Nightwishs Gesicht ist. Dass solche Gerüchte entstehen ist so gesehen natürlich.
Die meisten Menschen, die Einsicht in meinen Hintergrund haben, wissen, dass ich klassisch geschult bin, und dass ich aus diesem Grund ins
Ausland ging. Und das war es auch, aber nicht in der Absicht, dass die Band sich trennen sollte."
Diese "Meinungsverschiedenheiten" , die dazu führten, dass Sami abgesägt wurde ( heute ersetzt durch Marco Hietala, auch in Tarot und vorher
auch in Sinergy) sieht Tarja bedingt durch seine Unzufriedenheit damit, dass Tuomas Holopainen von Anfang an der Leiter der Konstellation war
und Diktator, was Tuomas selber nicht verneint. Aber auch dadurch, dass die Sängerin konstant im Mittelpunkt stand.
" Die anderen Jungen taten sich schwer damit zu akzeptieren, dass sie im meinem Schatten leben mussten. Alle Zeitungen die uns darstellten,
wollten immer Fotos von mir und ich dachte, dass sei natürlich, da ich es bin, die Nightwish ein Aussehen gibt. In Wirklichkeit hatte es damit zu tun,
dass wir die Sache nicht ordentlich diskutiert haben und als die Popularität begann wollten natürlich alle in der Gruppe im Blickfeld sein,
aber je mehr sich das Interesse vergrößerte begannen die Journalisten und Fotografen nur nach mir zu fragen."
"Sami konnte das nur schwer akzeptieren. Wir haben die Sache niemals diskutiert, sondern gingen meist nur darum herum und waren sauer aufeinander.
Wir tourten, aber sprachen nicht miteinander. Zum Schluß war Tuomas gezwungen zu sagen: "Stopp, nun können wir nicht länger Mitglieder
derselben Band sein."
Helsinki, Finnland, einige Wochen zuvor. Der Kontrast zur oben erwähnten Innenansicht ist schlagend - nach dem Preview der neuen "Once"
(Nuclear Blast) in der Loose Bar habe ich mich in eine winzigen Kochnische in einer Wohnung in der Eerikinkatu 24 geklemmt die zum
Nightwish Management King Foo Entertainment gehört.Tuomas Holopainen trinkt Whisky Soda und Orangensaft.
Unser Gespräch ist aus irgendeinem Grund in eine direkte Wiederaufnahme dessen geworden, was Tarja oben gesagt hat.
"Man kann nicht in allem einer Meinung sein, das ist unmöglich", meint er. " In jeder Band muß es daher einen Leiter geben,
der die übergreifende Verantwortlichkeit hat. Nightwish ist gewissermaßen eine Demokratie und kein Beschluß wird über den Kopf von
irgendeinem hinweg gefasst, aber auf die Dauer bin ich es, der das letzte Wort hat. Ich bin es, der alle Songs schreibt und der alle
Ideen ausheckt, die wir auf einem Album vermischen. Ich bin es, der Nightwish geschaffen hat. Natürlich, nenn mich selbstsüchtig, weiß ich genau,
dass ich manchmal die Band mit einer harten Hand steuere. Aber so lange ich ein "freundschaftlicher Diktator" sein kann sind sowohl ich, als auch die
anderen mit der Situation zufrieden."
"Warum habt ihr das Problem nicht in einem früheren Stadium gelöst?"
"Die finnische Mentalität, weißt du. Sie enthält, dass man sich niemals verletzbar zeigen darf. Wenn ein Finne auf ein Problem stößt,
begräbt er es lieber in sich statt darüber zu sprechen. Unter der Voraussetzung funktionierte Nigtwish während der ersten 6 Jahre unserer
Karriere und es führte direkt dazu, dass Sami gehen musste und die Gruppe nahe daran war, sich gleichzeitig aufzulösen.
Während der zwei Jahre, die seitdem vergangen sind haben wir die Luft in vielen langen Gesprächen gereinigt und haben gemerkt,
dass wir mehr kommunizieren müssen und nicht jeder so in seine eigene Welt eingeschlossen sein darf."
Tarja sagt im Prinzip dasselbe, während Kristina ein paar einzelne schwarze Wimpern an den richtigen Platz setzt.
"Wir hatten interne Frustrationen. Speziell während unserer früheren Tourneen gab es viel bei Nightwish, das mich irritierte.
Die Jungs hatten eine ziemlich arrogante Einstellung zu mir."
Sich als geschulte Opernsängerin in Gesellschaft mit 4 versoffenen Dumpfschädeln auf eine Rundreise zu begeben war für Tarja sicher
die größte Prüfung von allen. Die Tourneereisen sind wenig gesund, in einigen Fällen kann es eine richtige Plage sein.
"Ich erinnere mich zum Beispiel als ich beim ersten wandernden schwedischen Metalfestival "Close up Made Us do it" war. Konstante Berauschung
für beinahe 2 Wochen und dazu wurde man gezwungen in Lokale zu gehen, in denen die Leute das eine oder andere rauchten."
Tarja sagt es gerade heraus. Sie hasst es mit Nightwish zu touren, die außer Tuomas und Marco noch aus dem Gitarristen Emppu Vuorinen und
dem Drummer Jukka Nevalainen bestehen.
"JA, es ist wirklich eine Last. Ich bin definitiv kein Partygirl. Die Minuten, die ich auf der Bühne stehe sind fantastisch und es ist immer eine
Freude, meine Fans zu treffen. Alles andere ist nur stressig und ich wünschte ich könnte es weglassen. Es hat 5-6 Jahre gedauert bis alle
gelernt haben, dass sie sich nicht wie sonst was verhalten können wenn sie in meiner Gesellschaft reisen.
Während der ersten Tournee führten sich die Jungs wie kleine Kinder auf, sie tranken ungehemmt Alkohol und rauchten sehr viel in meiner Umgebung.
Als ich sie darauf hinwies, dass ich unter diesen Bedingungen nicht leben kann, wischten sie es nur beiseite und verstanden nicht einmal,
was ich meinte. Ich kann mich nicht in einer Umgebung aufhalten, in der alle rauchen, schreien und die ganze Nacht feiern. So etwas kann meine
Stimmkapazität zerstören - obwohl die Jungs unfähig waren sich an mich anzupassen."
Auch in diesem Fall löste sich die Situation nach langen und eingehenden Gesprächen unter den Mitgliedern,
während denen Tarja klarstellte, welche Anforderungen sie hat.
"Ich singe mit meiner ganzen Bauchmuskulatur. Mein Körper ist sehr zerbrechlich in dem Aspekt, weil ich immer in perfekter Form sein muss,
um gut singen zu können. Ich muss eine gute physische Gesundheit auf Tournee haben. Die Jungs haben nicht dasselbe Bedürfnis, weil sie nur auf ihren
Instrumenten spielen müssen. In jedem Fall, wenn ich mich in einem rauchigen Club, einer Arena oder einem anderen Platz befinde,
wo die Leute Zigaretten paffen und wo es Rauchmaschinen gibt, muß ich sehr vorsichtig sein.
Genauso gefährlich ist der künstliche Rauch und all die Pyrotechnik, die wir anwenden. Der Drummer Jukka hat mir viele Male gesagt, dass er ein
Problem mit dem Hals hat wegen all dem Rauch und Pulvergeruch, und dass er nicht verstehen kann wie ich in solchen Situationen singen kann.
Die Pyrotechnik ist wirklich Gift für die Stimme, es tut überall weh wenn man den Dampf einatmet - im Hals, in der Nase, in den Augen, überall."
"Bist du als Opernsängerin empfindlicher für solche Sachen als z.B. Marco, der mehr ein Rocksänger ist?"
" Absolut! Es ist ein großer Unterschied. Marco und Rocksänger im Allgemeinen wenden eine andere Gesangstechnik an und für ihn ist es kein großer
Schlag wenn er sich ein bisschen heiser anhört nach einem vereinzelten Gig, aber für mich wäre es eine Katastrophe. Ein Zeichen, dass ich riskiere
meine Stimme zu verlieren innerhalb weniger Tage. Ich muss darauf achten.
"Ich muss behutsam mit meinem ganzen Körper umgehen. Einfach solche Sachen wie warme Kleidung bei mir haben und niemals zu frieren ist unheimlich
wichtig. Klimaveränderungen zwischen unterschiedlichen Teilen der Welt kann daher eine große Schererei mit sich bringen."
"Wie löst ihr eigentlich das Problem, wenn ihr im Tourbus seid?"
"Ich fahre nur selten mit im Tourbus, stattdessen bevorzuge ich es zu fliegen, wenn es lange Reisen sind.
Bei den Gelegenheiten, in denen ich mit den anderen mitfahre, wählen wir oft einen zweigeteilten Bus, in dem ich meinen eigenen Schlafraum habe,
so weit wie möglich entfernt von den anderen. Und wenn sie ihre Parties haben -von denen ich dir versprechen kann, dass sie die haben - respektieren
sie meinen Wunsch danach, in Ruhe schlafen zu können."
Sie macht eine Pause. Dann ist es, als ob ihr aufgeht, dass sie wie eine kleine Diva mit dem "größten Problem im ganzen Land" klingt.
"Es ist eine Arbeit, die ich machen möchte und die voraussetzt das ich gute Bedingungen habe, um während der Konzerte gute Leistungen zu bringen.
Und es ist keine unsinnige Forderung, das verstehen die Jungs auch. Ich möchte gut in Form sein, das ist es um was es geht.
Sicher gehe ich auch schon mal mit meinen Freunden aus Finnland in eine Kneipe, wenn ich sie lange nicht gesehen habe. Ich liebe es,
während ein oderzwei Bieren gesellig zu sein und ein ganz normales Leben, in dem ich nicht NIGHTWISH repräsentiere, zu haben. Aber Arbeit ist Arbeit."
"Hast du schon mal zu hören bekommen, dass du eine Diva seist?"
"Immerzu", lacht Tarja. "Diese Sachen sind natürliche sehr befremdlich für viele Menschen und da ich eine Opernsängerin bin liegt diese
Beschreibung wohl auf der Hand. Aber nein, ich bin absolut keine Diva, ich bin eine nette Person, die gut sein möchte und die verrückt wird,
wenn sie sich nicht auf ihren Gesang konzentrieren kann. Wie ich schon vorher sagte, war es für die Jungs früher schwer, meine Situation komplett
zu erfassen, aber als sie sahen, wie zerbrechlich meine Gesundheit ist und wie wenig es braucht, damit ich krank werde, änderten sie ihre Einstellung.
Wenn einer der Jungs während der Tournee krank wird ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass jemand anderes - wenn nicht alle- angesteckt werden
und sobald ich auch nur die kleinste Infektion habe sind wir gezwungen einige Konzerte abzusagen. Und was ist der Wert davon? Da gibt es plötzlich
keine andere Wahl mehr als zeitweise flachzuliegen."
Einige Striche mit dem Lippenpinsel folgen und dann steigt die Primadonna Tarja Turunen in das Goldfoyer. Sie lacht fröhlich, als ihr Mann Marcelo
vorschlägt, dass sie einige Originalkostüme von 1909 und 1966 aus den Aufführungen von Wagners "Tristan und Isolde" anziehen soll,
die stolz auf dem Podium gezeigt werden.
In der nächsten Sekunden nimmt sie eine Pose vor dem großen "Gefangen in einem Sturmwind"-Ventilator ein und summt nochmals einige Kilpinenwerke.
Zu Martin Carlsson Entzücken hatte ich vorher selber als Modell vor dem Ventilator agiert und zur Beurteilung wurde er ein wenig kleinlaut als er
mein hieraus resultierendes Achtzigerjahrebuch sah.
Ich frage Tarja ob sie nicht "where were you last night?" stattdessen singen kann und begegnete einem glücklichen Lachen.
Tatsache ist, dass NIGHTWISH das Cover dieses buschigen Kioskbesitzers von 1989 eingespielt haben, aufgeführt von Ankie Bagger.
Nightwishs Version wird vermutlich nicht im öffentlichen Zusammenhang veröffentlicht werden.
"Es war natürlich Tuomas' Idee. Er hat diesen Titel aus dem Internet und das einzige was ich darüber gehört habe ist, dass alle, die ihn gehört haben,
ihn hassen, einschließlich der Mehrheit der Bandmitglieder. Wahrscheinlich werden wir ihn herausbringen."
"Wieviel weißt du über Ankie Bagger?
"Nichts außer diesem Lied."
"Sei froh darüber..."
Tarja Turunen über Nightwishs Discographie
Angels fall first (1997)
"Mein Gott - ein typisches Debut, man hört, dass wir jung waren. Das Liedmaterial ist sehr naiv und unkompliziert.
Aber wenn man bedenkt, dass ich damals gerade mit dem Unterricht im klassischen Operngesang begonnen habe, ist es nicht so verwunderlich,
dass ich sehr unsicher und schlecht singe. Für mich repräsentierte Nightwish einen ganz neuen Typ Musik -
auch wenn ich selbstverständlich schon vorher Rocksongs gehört habe - und ich hatte am Anfang ein Problem mit der Kombination der Stile.
Weil ich sehr selbstkritisch bin, mag ich mir unser Debutalbum heute nicht mehr anhören, aber irgendwie musste man ja anfangen."
Oceanborn (1998)
"Wahrscheinlich die härteste Prüfung der wir jemals ausgesetzt waren. Tuomas hatte auf einmal Songs komponiert, die - wenn es drauf ankommt-
insgesamt für die ganze Band zu komplex und schwer zu spielen waren. Wir hatten Streit im Studio, weil Tuomas versuchte, uns zu mehr zu zwingen als
wir fähig waren zu geben. Ich erinnere mich, dass ich Sturzbäche geweint habe, und er in meine Kopfhörer schrie: " Sing! Du kannst es! Sing!" Aber
ich war total erschöpft: "Ich kann nicht! Ich kann nicht! Was verlangst du von mir?" Die Scheibe hat extrem schwere Passagen mit Bezug
auf klassische Oper und die ursprüngliche Tonlage war zu hoch für mich. Und wenn ich mir die CD heute anhöre, erkenne ich, dass ich es niemals
hätte machen sollen obwohl es musikalisch richtig gut ist. Mein eigener Einsatz ist wirklich elend. Die Stimme bricht und ich singe furchtbar
angestrengt, ständig unter Spannung der Bauchmuskulatur. Aber im Nachhinein, ein Lernprozess."
Wishmaster (2000)
"Die erste von unseren Ausgaben, bei derich mich sicher mit meiner Stimme während des Einspielens gefühlt habe. Ich kannte meine Grenzen und
versuchte nicht, mehr aus mit herauszupressen als ich kontrollieren konnte. Was gewiß dazu führte, dass der Gesang eintönig klingt, aber es war
zumindest nicht oberflächlich oder angestrengt. Tuomas hatte begonnen eine Ahnung davon zu bekommen, was ich schaffen kann und was nicht. Daher hat
er ganz einfach ein Album mit diesem Hintergedanken komponiert. Obwohl ich es ihm schon früher erzählt hatte, wusch er es einfach beiseite.
"Ja JA, alles Quatsch. Du kannst doch alles singen." Während der Arbeit zu Wishmaster verstand er dann tatsächlich was ich immer gemeint hatte."
Over the hills and far away (2001)
"Natürlich Tuomas' Idee, aber ich glaube nicht, dass wir ein passenderes Cover hätten wählen können. Ich glaube immer noch, dass dieser
Gary Moore- Song perfekt in Nightwishs Konzept passt. Ich bin außerdem ganz zufrieden mit meinem eigenen Auftreten. Natürlich habe ich es schon
vorher gehört, es war ein Riesenhit in den 80er Jahren, aber ich hatte nie eine Platte, auf der es mit drauf war. Die EP beinhaltet noch 2
neugeschriebene Songs und eine Neueinspielung von "Astral Romance" von "Angels Fall First" und, tja, es ist gutes Material aber
"Over the hills and far away" sticht mit Sicherheit heraus."
Century Child (2002)
"Hmm, ich bin zweigeteilt bei dieser Ausgabe. Obwohl Tuomas meine Kapazität auf eine sehr gute Weise verwendet um das Material auszuschmücken,
bin ich enorm unzufrieden. Es gibt Teile, auf denen mein Einsatz ok ist, aber sobald die Songs dazu führen, dass ich tiefer und aggressiver singe,
verliert das Album an Glaubwürdigkeit.Während der Einspielungen empfand ich es ok, aber wenn ich es im Nachhinein anhöre glaube ich,
dass das Endresultat schlecht ist, nicht zuletzt aufgrund meines peinlichen Einsatzes. Obwohl ich tatsächlich einen Grund durch eine beginnende
Nebenhöhlenentzündung hatte, fühlt es sich an, als sei mein ganzer Kopf mit der Erkältung gefüllt. Die ganze "Century Child" hat einen Zug
tiefer Melancholie und es ist bisweilen gewaltig depressiv, was zweifellos dazu beiträgt, dass ich mich in meiner Haut nicht wohlfühle,
sowohl wenn ich es höre als auch wenn ich darüber spreche."
Once (2004)
" Wenn man Tuomas Texte aus dieser Zeit liest, ist es mehr oder weniger so als ob man sein Tagebuch liest. Er verwandelt seine Eindrücke
der Umwelt in Lyrik, später spielt es keine Rolle wie naiv oder anspruchsvoll es wird. Als wir die ONCE einspielten, hatten wir allesamt das
schöne Gefühl, dass wir uns zu dem zurückgewandt haben, mit dem wir anfingen - mit "Angels Fall First" -, gleichzeitig als ob wir unterschiedliche
Einflüsse aus allen Richtungen nahmen. Aus der heutigen Sicht muss ich zugeben, dass ich mit meiner Darstellung zufrieden bin, aber fragt mich mal
in einem halben Jahr, da habe ich sicher etwas mehr Abstand gewonnen."
Deutsche Übersetzung: Mic