Metal Maniac, 12-06, Italien

|
Nach dem glamourösen Rauswurf von Nightwish, vertreibt sich die hübsche Sängerin Tarja Turunen die Zeit bis zu ihrem ersten Soloalbum mit der Veröffentlichung eines Weihnachtsalbums, in dem sie all ihre Liebe zur klassischen Musik zeigen kann. Dies ist ein guter Grund für uns an einem verschneiten, finnischen Morgen an ihrer Tür zu klopfen und uns exklusiv von ihr erzählen zu lassen, was die Zukunft für sie bringen wird.
Während Nightwish wegen der schwierigen Suche nach einer neuen Sängerin zum Stillstand gekommen ist, ist Tarja wieder zurück und nutzt ihr Talent und ihre musikalische Vielseitigkeit für einige erfolgreiche Projekte, die hoffentlich nächstes Jahr zur weltweiten Veröffentlichung ihres ersten Soloalbum führen wird.
In der Zwischenzeit vertreibt sie sich die Zeit mit der Veröffentlichung von "Henkäys Ikuisuudesta" (Hauch vom Himmel), ein besonderes Werk mit vielen klassischen Aspekten, das dem Thema Weihnachten gewidmet ist und ein Geschenk an ihr geliebtes Finnland darstellen soll.
Dies ist der Anfang eines exklusiven, tiefgehenden Interviews, ein Versuch zu ergründen, was die Zukunft für die talentierte Sängerin bereithält, ein Gespräch voller Zuversicht und mit schönen Weihnachtserinnerungen.
"Hauch vom Himmel" wurde gerade veröffentlicht, aber ich habe gehört, dass du das eigentlich schon vor einigen Jahren machen wolltest. Warum die lange Verzögerung ?
Ich habe die Lieder auf dem Album schon sehr lange immer wieder gesungen. Ich habe Lieder wie "Walking in the Air" immer wieder gerne live gesungen oder auch für meine engsten Freunde. Seit einiger Zeit wollte ich ein besonderes Album realisieren, dass den Finnen gewidmet ist. Und da hielt ich Weihnachten für einen guten Anlass. In Finnland ist dies ein sehr wichtiger Feiertag. Für mich persönlich ist das auch eine ganz besondere Zeit, da ich mit meiner Familie zusammenkomme und zu der Ruhe zurückfinden kann, die ich gewöhnlich das ganze Jahr über vermisse. Wie du dir denken kannst, ist mein Leben sehr hektisch. Man ist ständig in Bewegung und reist von einem Ort zum nächsten. Zu Weihnachten habe ich die Möglichkeit mit den Menschen zusammen zu sein, die mir am nächsten stehen, mit meinem Freunden und allen, die ich immer sehr vermisse. Wir können dann Zeit miteinander verbringen, uns um das Klavier versammeln, ich koche zusammen mit meiner Mutter…das ist eine glückliche Zeit voller Harmonie. Aus diesen Gedanken heraus kam mir die Idee zu dieser CD: warum sollte man nicht Aufnahmen machen, die diese so wichtige Zeit im Jahr feiern ? Ich wollte das schon lange zuvor machen. Ich denke schon seit 2003 darüber nach, aber ich war zu sehr mit Nightwish und auch als Solokünstlerin beschäftigt. 2005 nach einer Tour in Finnland, Spanien, Rumänien und Deutschland habe ich dann erkannt, dass die Zeit reif dazu war, dieses Projekt zu realisieren. Ich habe einige Lieder gesungen, die ich auch für "Hauch vom Himmel" aufnehmen wollte und die Reaktion des Publikums war fantastisch. Also begann ich im Juni im Studio zu arbeiten und heute ist das Album fertig, zu meiner Freude und auch der meiner Fans, die dafür gesorgt haben, dass es bereits Goldstatus in Finnland erreicht hat.
Was ist die schönste Erinnerung, die du an Weihnachten hast ?
Das ist eine Erinnerung an meine Kindheit. Ich war vielleicht fünf Jahre alt und meine Familie und ich gingen zu einer Holzhütte um zu feiern. In der Nähe befand sich auch ein Restaurant. Am Weihnachtstag brachte meine Mutter mich und meine Brüder zu einer typisch dekorierten Hütte und wir packten unsere Geschenke am Kaminfeuer aus. Dann brachten sie mich in eine der Säle im Restaurant, setzten mich ans Klavier und ich begann zu singen. Das war sehr schön…
Gibt es ein Geschenk, das dir immer noch wichtig ist und das du noch besitzt, und sei es nur in der Erinnerung ?
Das hat auch einen musikalischen Bezug. Als ich noch ein Kind war, war ich fasziniert vom Klavier meines Musiklehrers. Ich war acht oder neun und meine Augen fingen jedes Mal zu leuchten an, wenn ich es sah. Als mir meine Eltern dann mein erstes Klavier schenkten, ist für mich damals ein Traum wahr geworden.
Was war das teuerste Geschenk, dass du jemandem gemacht hast ?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht ist das sogar dieses Weihnachten, weil ich meine ganze Familie nach Buenos Aires bringen werde. Das ist mit sicher ein wichtiges Geschenk.
Du hast gesagt, dass diese Weihnachts CD nur ein Nebenprojekt ist. Arbeitest du denn an deinem "richtigen" Soloalbum, dass dann deine Rock - Seite zum Leben erwecken wird…?
Ich arbeite jeden Tag da dran und lege da alles hinein, denn meine Solokarriere ist nun wichtiger als jemals zuvor. In "Hauch vom Himmel" habe ich schon begonnen, Musik selbst zu schreiben. Ich habe den Opener "Kuin Henkäys Ikuisuutta" zusammen mit Esa Nieminen geschrieben und das war sehr wichtig für mich, auch wenn ich mich noch nicht dazu bereit fühle, ein ganzes Album selbst zu schreiben. Es wird eine Reihe von Komponisten geben, die das für mich beim Soloalbum tun werden. Ich habe mir schon einige Songs angehört und ich kann euch versichern, dass sie wundervoll sind. Ich will mich nicht auf ein Genre festfahren. Als Musikerin wäre es sehr einseitig und nicht sehr anregend nur Metal oder nur Klassik zu singen. Ich möchte ein Album machen, dass ein Symbol für musikalische Freiheit ist, denn mir hatte es schon immer gefallen, alles zu singen und die verschiedenen Richtungen zu mischen.
Während deiner Karriere hast du dein Mikrophon ja mit vielen anderen Sängern geteilt. Gibt es einen Metalsänger, mit dem du gerne arbeiten würdest?
Obwohl ich jetzt nicht banal klingen möchte, würde mir ein Duett mit Axl Rose oder Bruce Dickinson sehr gefallen: es sind beides Sänger mit großer Ausstrahlung und sie haben auch beide besondere Stimmen: der eine sehr hoch, der andere sehr tief und intensiv. Ich denke, da würden interessante Sachen rauskommen. Die besten Dinge entstehen oft durch das Aufeinandertreffen verschiedener Musiker und Stimmen. Denn wenn Welten, die gewöhnlich weit auseinander sind, sich einander annähern, kommt immer etwas sehr Tiefgreifendes heraus.
In deiner künstlerischen Laufbahn hast du dich immer mit verschiedenen Stilen auseinandergesetzt, von Pop über Metal bis hin zur Klassik. Denkst du, dass dir diese Vielseitigkeit den Erfolg eingebracht hat, den du heute genießt?
Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist, um erfolgreich zu sein. Erfolg ist überhaupt nicht der Grund, weswegen ich mit verschiedenen Genres experimentiere. Etwas Neues zu versuchen ist immer eine Herausforderung für mich. Ich mag es zu erkunden, zu was meine Stimme fähig ist, indem ich versuche viele Genres zu mischen. Das ist nicht einfach, aber in künstlerischer Hinsicht ist es sehr stimulieren und hat mir viel gegeben. Man muss diese Empfindungen selbst erlebt haben, um sie richtig zu verstehen. Jeder Gig, jeder Stil ist eine eigene Welt, die auf gewisse Art und Weise dazu beiträgt, deine künstlerischen und menschlichen Seiten aufzubauen. Wenn ich zum Beispiel Klassik singe, finde ich mich in einer sehr tiefen Wirklichkeit wieder. Es gibt fast schon ein spirituelles Band zwischen dem Orchester, das mich begleitet. Ich schließe die Augen und ich kann deutlich jedes Instrument hören, dass in diesem Moment gespielt wird und das verschmilzt dann mit meiner Stimme…
Auf der anderen Seite herrscht bei einem Metal oder Pop Konzert mehr Freiheit, auch in physischer Hinsicht. Man kann Dampf ablassen, singen und sich bewegen. Das ist das genaue Gegenteil.
Ohne diese beiden Seiten meiner Karriere könnte ich nicht leben. Sie machen meine Musik abwechslungsreich und bereichern mein Leben. Es wird einem nie langweilig.
Manchmal sind Leute, die mir nahe stehen, schockiert über diese Stil-Vermischung und fragen sich, was ich wohl als nächstes wieder machen werde. Aber ich könnte es nicht anders machen, denn so bin ich nun mal. Ich muss mich von jeder Fessel befreien und das singen, was ich wirklich möchte.
Wenn du auf deine Karriere Revue passieren lässt, würdest du dann sagen, dass das überwiegt, was du der Musik gegeben hast oder was die Musik dir gegeben hat?"
Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht wirklich. Bisher habe ich sicher der Musik viel gegeben, mich selbst; es vergeht kein Tag, ohne dass ich Musik nicht feiern, singen oder üben würde…Wenn ich sage, die Musik ist mein Leben, dann ist das die absolute Wahrheit. Gleichzeitig hat mir die Musik auch viel gegeben, mehr als das, sowohl in menschlicher als auch in emotionaler Hinsicht. Vor einigen Tagen habe ich eine klassische Platte aufgelegt, unwichtig was es genau gewesen ist, irgendeine einfache Zusammenstellung. Aber sobald die Musik den Raum füllte, beschleunigte sich mein Herzschlag und ich hatte ein ganz intensives Gefühl. Was sonst noch auf der Welt kann solche intensiven Emotionen hervorrufen wie die Musik. Ich schulde der Musik alles, weil es so schwierig ist im Leben das zu tun, was man wirklich gerne tut.
Aber oftmals geht es nicht immer glatt im Musikgeschäft. Wieviel Neid und Missgunst bist du schon gegegnet ?
Ich denke, Neid ist ein Teil der menschlichen Seele und man findet ihn nicht nur im Musikgeschäft. Leider wird es ihn immer geben und man muss damit leben. Ich persönlich bin mit bestimmten Werten aufgewachsen und habe gelernt, dass es am wichtigsten ist, auf sich selbst zu hören und daran zu glauben, was man tut, unabhängig davon, was andere über einen sagen; man muss einfach seinen Weg gehen. Ich habe mich nie für eine Person gehalten, die Neid provoziert, denn ich habe immer hart gearbeitet und mir das, was ich heute erreicht habe, selbst aufgebaut. Wenn man seine Ziele durch harte Arbeit erreicht, wird das von anderen nicht als Grund zu Neid, sondern als Quelle der Inspiration angesehen. Ich hatte großes Glück, denn ich habe noch keinen Neid in Bezug auf mich erlebt: alles ist so geschah so rasch und der Erfolg stellte sich plötzlich ein. Viele Leute hätten das als Anlass nehmen können, aber ich habe noch nie jemanden schlecht über mich und das, was ich tue, reden gehört. Das Ziel, das ich erreicht habe, ist sehr wichtig für mich.
Was ist das wichtigste, das du nach 10 Jahren in der Metalwelt gelernt hast ?
Ich habe gelernt, immer ich selbst zu sein. Und mir gegenüber ehrlich zu sein. Metalmusik ist nicht für die Massen, es war schon immer ein Nischengenre, deshalb ist es zunächst verwirrend, wenn man immer größeren Erfolg darin hat. Wenn Plattenfirmen Pläne mit einem machen, wenn Radios, Magazine und Fernsehen dich interviewen und dein Name auch jenseits des Metalgenres bekannt wird, muss man hart daran arbeiten, ehrlich sich selbst gegenüber zu bleiben und mit noch größerer Ernsthaftigkeit zu handeln, denn es ist nie einfach andere Menschen zu erreichen und die Gefahr, alles wieder zu verlieren, lauert immer hinter der nächsten Ecke.
In den letzten Jahren stößt man immer mehr auf Bands, die eine mehr oder weniger talentierte Sängerin aus dem klassischen Bereich als Frontfrau haben. Hältst du dich selbst auf gewisse Weise dafür verantwortlich ?
Um ehrlich zu sein, war mir das anfangs gar nicht bewusst, da alles so schnell gegangen ist. Dann kam das positive Feedback von anderen Künstlern und das hat mich sehr stolz gemacht. Aber es freut mich wirklich, dass so viele talentierte Sängerinnen heute das Metalgenre bereichern. Man kann das vielleicht weiblichen Stolz nennen, aber wenn ich Liv Kristine, Anneke von The Gathering oder Sharon von Within Temptation singen höre, geht das schon sehr tief. Und dann ist da noch Floor von After Forever. Während einer Nightwish Tour hatte ich die Möglichkeit, mich mit ihr anzufreunden und sie ist nicht nur eine großartige Sängerin, sondern auch ein wunderbarer Mensch.
Und was ist mit Cristina Scabbia ?
Ich habe die Karriere von Lacuna Coil nicht wirklich verfolgt, aber ich erinnere mich, dass ich Cristina einmal in London bei einer Show getroffen habe. Wir sind uns dort über den Weg gelaufen, aber leider haben wir nicht viel miteinander gesprochen. Aber ich mag wie sie singt, sie hat große Qualitäten.
Viele halten immer noch Doro Pesch für die Königin des Metal…
Natürlich, wie sollte es auch anders sein! Ich erinnere mich noch an unser erstes Treffen. Das war in Wacken und wir haben Wishmaster promotet. Wir spielten fast zur selben Zeit. Als sie mir im Backstagebereich über den Weg lief, war ich sehr aufgeregt, denn sie ist für eine Metalsängerin ein absolutes Vorbild. Sie hat eine intensive Ausstrahlung und einen wahren Kampfgeist. Und doch war sie es, die zu mir kam, mir gratulierte und sagte, dass ihr unsere Show gefallen hat. Das bedeutet mir heute noch sehr viel.
Zum Schluß noch eine Frage: Was sind deine Wünsche fürs kommende Jahr ?
Dieses Jahr wird mit einigen Konzerten in Finnland und Russland enden, um "Hauch vom Himmel" zu promoten. Dann werde
ich hoffentlich Urlaub machen können, denn ich brauche wirklich eine Auszeit ! Wenn ich meine Batterien wieder geladen
habe, mache ich mich an die Arbeit für das Soloalbum. Ich hoffe, dass ich dadurch immer mehr Leute erreichen und auch all
die Freunde aus Nightwishzeiten wieder sehen werde, die mich in den letzten Monaten unterstützt haben. Ich hoffe, dass ich
auch im nächsten Jahr den Enthusiasmus und die Lust an der Musik behalten werde. Aber ich habe eigentlich keinen Zweifel daran…
Deutsche Übersetzung von Melanie
(Englische Übersetzung von Andrea)
_________________
_________________