Seura Magazine, Oktober 06, Finnland

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Tarja Turunen: Jetzt erst habe ich Zeit, um meine Mutter zu trauern
Ein Lied in Erinnerung an eine Mutter
Auf ihrem kommenden Album singt Tarja Turunen ein Lied für ihre Mutter, um deren Verlust sie während der hektischsten
Nightwish Jahre nicht einmal Zeit zu weinen hatte.
Es ist ein selten schöner und warmer Herbsttag draußen. Als wir das Innere
des dunklen Studios betreten, fühlt man sich um einige Monate in die Zukunft versetzt.
Rote Elfen an den Wänden, Silbergirlanden und rote Christbaumkugeln glänzen am Weihnachtsbaum. Es ist Weihnachten.
"Das ist Marcelo´s Überraschung für mich", sagt Tarja Turunen mit einem Lächeln. "Als wir anfingen das Weihnachtsalbum
aufzunehmen, habe ich mich gefragt wie ich dabei in Weihnachtsstimmung kommen soll."
Das Studio ist vertraut: hier hat Tarja fast alle Lieder aufgenommen, die sie in Finnland gesungen hat. Seit August nimmt
sie ihr Weihnachtsalbum auf, das im November veröffentlicht werden wird. "Wir haben ein gutes Team und genug Zeit.
Es ist schön mit Esa Nieminen zusammen zu arbeiten. Vor ein paar Jahren habe ich mit ihm eine Single aufgenommen,
deshalb bin ich in seiner Gegenwart nicht nervös. Ich bin immer nervös, wenn ich etwas Neues mache. Wenn man sein
Bestes geben will, muss man sich selbst übertreffen." Mit dem Weihnachtsalbum beginnt ein neuer Abschnitt in Tarja´s
Leben. Sie wird als sie selbst auftreten und nicht mehr als die Sängerin von Nightwish. "Das kommende Weihnachtsalbum wird
sehr abwechslungsreich sein. Die Musik wird ruhig und warm sein. Es wird die Art von Musik enthalten, die ich selbst gerne zu
Weihnachten höre. Es sind auch einige klassische Lieder drauf, finnische Lieder und einige Songs, die weltweit bekannt sind."
Das wichtigste Lied für Tarja ist "You Would Have Loved This", das sie aus den USA gefunden hat. Es erzählt vom Tod einer nahe stehenden
Person und darüber, wie sehr diese verstorbene Person diese Jahreszeit liebte. Nicht nur Weihnachten, sondern "diese" Zeit des Jahres. "Der
Text geht einem sehr nahe und als ich es zum ersten Mal gehört habe, habe ich geweint", sagt Tarja. "Er brachte mir meine Mutter sehr nahe,
die ich verloren habe. Ich singe dieses Lied für sie." Tarja har vorher noch nie über den Tod ihrer Mutter gesprochen. Sie starb vor drei Jahren.
Davor war sie sehr lange krank. Sie starb an Krebs.
"Ich habe erst jetzt Zeit um sie zu trauern. Es gibt immer noch Momente, wo ich sie so sehr vermisse. Sie war ein sehr starker Mensch, aber auch
sehr einfühlsam", erzählt Tarja. "Jetzt habe ich erst die Zeit, inne zu halten um zurückzudenken und darüber nachzudenken, was passiert ist. Ich
kann erst jetzt über ihren Tod sprechen. Es ist ja auch noch nicht so lange her. Andererseits habe ich durch die Sehnsucht hindurch auch liebvolle
Erinnerungen an gute Zeiten. Manchmal habe ich ein gutes Gefühl, dass sich mit Sehnsucht und Wehmut vermischt." Tarja überlegt wie Menschen gezwungen
sind ihren Kummer und andere unangenehme Gedanken in die tiefste Ecke ihrer Seele zu schieben. Dort warten sie auf den passenden Augenblick
um hervorzubrechen - und man sollte ihnen diese Möglichkeit auch lassen. "Ich denke darüber nach, wie viele Menschen in ihrem Arbeitsleben
in einem Hamsterrad gefangen sind, aus dem es keine Möglichkeit gibt auszubrechen. Der Druck von außen ist enorm und in einer Wettbewerbssituation
muss ein Mensch mehr geben als er eigentlich in der Lage ist. Man muss seine Sorgen und seinen Kummer immer beiseite schieben."
Tarja gibt zu, dass es manchmal auch einfach ist, sich in die Arbeit zu flüchten. Man muss den Schmerz irgendwie betäuben und verlangst
sich deshalb im täglichen Leben zuviel ab. "Es ist einfach, sich in die Arbeit zu flüchten. In der ersten Zeit ist es wirklich wichtig,
Freunde zu haben, die für dich da sind und dir helfen. Die eigentliche Trauerarbeit muss man aber alleine machen. Wir haben sehr viel
Kraft in uns, wenn wir sie benötigen."
Tarja steht nun zum ersten Mal allein im Brennpunkt der Öffentlichkeit. "Ich stehe wieder am Anfang und bin auf mich selbst gestellt.
Aber ich fühle mich nicht einsam. Ich habe viele Leute um mich, die mir Kraft geben. Ich habe viel neue Energie und sehe zuversichtlich
in die Zukunft. Ich fühle, dass ich meinen Zuhörern jetzt noch mehr geben kann. Mein Soloalbum nächstes Jahr wird zeigen, wie Tarja wirklich ist.
Ich bin glücklich, wenn ich Dinge selbst in die Hand nehmen kann und ich bin am stärksten, wenn ich auf meinen eigenen Füßen stehe."
Tarja sagt, dass die klassische Musik ihre stärkste Grundlage ist, gibt aber auch zu, dass sie den Rock Spirit besitzt. "Die klassische Musik
ist mein Ventil, aber ich bin am stärksten im Rockbereich. Ich habe dieses Genre während der neun Jahre mit Nightwish sehr gut kennen gelernt.
Meine Musik wird wahrscheinlich auch Elemente des Metal beinhalten. Ich erkenne viel Kraft in der Färbung, den Tönen und den Emotionen dieser
Musik." Tarja ist als äußerst bedingungslose Künstlerin bekannt, die keine halben Sachen von sich noch von anderen akzeptiert. "Wenn ich das
Gefühl habe, im Studio versagt zu haben, bestrafe ich mich selbst ziemlich hart. Ich bin ein Mensch, der sich bis zur äußersten Grenze seines
Talents zwingt. Ich denke, man kann sich immer verbessern und ich möchte nicht denken, dass ich mein Ziel erreicht habe, denn das stoppt die
Weiterentwicklung. Ich habe jetzt den Mut meine alten Aufnahmen anzuhören. Ich kann mich jetzt über meine eigene Entwicklung freuen. Es ist
relativ einfach für eine(n) Sänger(in) den eigenen Fortschritt herauszuhören."
Tarja schämt sich nicht wegen ihrer Wurzeln in Kitee. Sie ist stolz auf die Gegend, in der sie aufgewachsen ist. "Leider habe ich nur
selten Zeit nach Kitee zu fahren. Meine beiden Brüder leben immer noch dort. Mein Vater lebt in Joensuu. Es hat keinen Sinn nur für einen
Tag nach Nordkarelien zu fahren. Man muss Zeit haben, länger dort zu bleiben. Glücklicherweise kommen meine Brüder und andere wichtige Menschen
öfter nach Kuusankoski, um uns zu besuchen. Ich werde die Schönheit der Natur in Nordkarelien immer bewundern. Dieses Land ist so schön uns
sauber. Die hügelige Landschaft, die Seen, Teiche und Wälder. Ich liebe das alles. Ich mag auch die Direktheit in Ostfinnland. Man kann
einen Freund ohne viel Aufhebens besuchen, einfach vorbei kommen und nach einem Kaffee fragen."
Tarja und ihr Ehemann Marcelo leben in Kuusankoski, Finnland. Das wichtigste dort sind Freunde, die sie in gewisser Weise von einer Kantorin
geerbt haben, die ihnen geholfen hat, ein Haus zu finden. Ebenfalls ein Stück Heimat ist Buenos Aires, Argentinien. "Die Kultur dort ist
vollkommen anders als hier, aber ich fühle mich auch dort zu Hause. Die Offenheit dort, das Zeigen von Emotionen und die Tatsache, dass über
alle Dinge sofort gesprochen wird, tun mir gut. Ich bin grundsätzlich ein sehr schüchterner und zurückhaltender Mensch. Leute um mich rum zu
haben, macht mich nervös und deshalb fällt es mir auch nicht leicht, Freunde zu gewinnen. Die lateinamerikanische Kultur gibt mir deshalb
sehr viel."
In den Medien gab es viele Spekulationen darüber, inwiefern Marcelo eine Rolle im Konflikt um Nightwish spielte. Tarja steht zu ihrem Mann.
"Marcelo unterstützt mich so gut er kann. Ohne seine Hilfe, Ermutigung und die Kraft, die er mir gegeben hat, wäre ich nicht dort, wo ich
heute bin", sagt Tarja. "In der finnischen Kultur hält man es für merkwürdig, wenn man ständig mit seinem Partner zusammen ist. Aber wir
sind sehr glücklich zusammen. Aber die Leute verstehen das wahrscheinlich nicht. Keiner kann wissen wie stark die Verbindung zwischen uns
ist." Anfangs versuchten Tarja und Marcelo mehr Zeit getrennt voneinander zu verbringen, aber das ging auf Dauer nicht gut. "Es ist gut so
wie es ist. Und das heißt auch nicht, dass wir ein einziges Leben führen. Wir haben beide die Freiheit unabhängig zu handeln und zu denken,
aber auch die Möglichkeit alles sofort zu teilen. Wir geben uns genügend Freiraum."
Auch wollen Tarja und Marcelo einmal eine Familie gründen, doch noch ist die richtige Zeit dafür nicht gekommen. "Wir sind jetzt sechs Jahre
zusammen. Aber die Uhr tickt diesbezüglich noch nicht. Alles geschieht, wann es geschehen muss. So funktioniert das. Aber ich denke, dass die
Zeit für Kinder irgendwann kommen wird."
Tarja ist eine warmherzige und einfühlsame Person. Ihre dunkle, gothic-mäßige Erscheinung und das ernste Gesicht schafft aber etwas Distanz,
die auch als Arroganz oder Stolz interpretiert werden könnte. Es gibt kein Bild von Tarja, auf dem sie mal kichert wie ein Kind oder Seifenblasen
macht. Vom Sofa her ertönt ihr sanftes Lachen. Sie spricht frei und freundly, aber auf Bildern ist sie immer die distanzierte Künstlerin Tarja
Turunen. Sie möchte diese Rolle beibehalten, um sich selbst zu schützen. Der Fotograf bewundert Tarja´s Gesicht, das nahezu perfekte Züge
aufweist und sie sehr fotogen macht. Sie könnte ein Model sein. "Dazu bin ich zehn Zentimeter zu klein", lacht sie.
Fühlst du dich wie ein Star, Tarja Turunen?
"Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass Leute mich mit ihren Augen verfolgen und tuscheln. Ich weiß, dass sie das nicht böse meinen.
Das ist einfach spontane Neugierde. Ich erinnere mich dann daran, dass die Leute mich als Darstellerin kennen. Es ist Teil eines Berufs,
in dem man in der Öffentlichkeit steht, und man muss lernen damit zurecht zu kommen. Ich kann dadurch auch etwas mache, was ich sehr
genieße. Ich weiß auch, dass man nichts umsonst bekommt. Erfolg verlangt einem sehr viel Arbeit ab und auch dann braucht man immer noch
etwas Glück."
"Ich bin ein typischer Löwe und ich habe mehr Feuer in mir als Marcelo. Er ist ausgeglichener. Im täglichen Leben stehe ich nicht
gerne im Mittelpunkt, aber ich brauche meinen Freiraum", sagt Tarja. "Ich empfinde Emotionen sehr stark, egal ob das Dankbarkeit,
Schmerz, Liebe oder Stress ist. Marcelo ist auch ein sehr emotionaler Mensch, aber er geht die Dinge ruhiger an." Tarja erzählt auch,
dass ihr Marcelo viel Offenheit beigebracht hat. "Zu Hause habe ich gelernt, nicht über Dinge zu sprechen. Marcelo hat mir geholfen,
mich mehr zu öffnen. Er möchte die Katze immer gleich aus dem Sack lassen und wir sprechen über Dinge immer sofort. Während der
letzten paar Jahre bin ich aber auch vorsichtiger geworden. Bei meinen Freunden gebe ich aber alles."
Deutsche Übersetzung von Melanie
(Englische Übersetzung und Scans von Afrodite)
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