Turunsanomat, Sommer 2006
Die Sopranistin Tarja Turunen hat in der Schule mit ihrer Stimme einmal eine Lampe zum Zerspringen gebracht. Jetzt arbeitet sie an ihrem ersten Soloalbum. Ehemann Marcelo Cabuli muss im Auto singen.
Tarja Turunen hatte mit sechs Jahren ihren ersten Musikunterricht. Zwölf Jahre später wurde Nightwish gegründet. Während Turunen mit der band vor insgesamt einer halben Million Menschen auftrat, hat sie auch klassischen Gesang an der Sibelius Akademie und an der Musikuniversität in Karlsruhe (Deutschland) studiert. Im Herbst 2005 wurde Tarja von der Band gefeuert und sie konzentrierte sich danach auf ihre Solokarriere.
Bist du vor einem Rockkonzert genauso nervös wie vor einer Opernaufführung?
Wenn man dieselben Lieder viele Male gesungen hat, ist die Anspannung nur noch ein leichtes Ziehen. Ich habe weniger Opern gesungen als Rockkonzerte und deshalb bin ich davor auch nervöser. Wenn man Opern singt ist man mit seiner Stimme quasi nackt auf der Bühne. Jeder Auftritt fordert die gesamte Konzentration. Ohne Anspannung wäre es kein guter Gig, denn dann vergisst man den Text oder macht irgendetwas anderes falsch. Während Tour habe ich den Jungs oft gesagt: "Sagt irgendwas. Ich bin nicht nervös genug." Sie sagten mir dann Dinge wie das Headset wird nicht funktionieren, oder dass nur fünf Leute zuhören werden, was mich nervöser macht als vor 500 Leuten zu singen.
Hast du versucht, Marcelo das singen beizubringen?
Nicht wirklich. Marcelo´s Gesang ist ziemlich hoffnungslos. Er hat nicht das Talent dafür. Natürlich lasse ich ihn im Auto singen, aber wir singen nicht zusammen.
Was war die längste Zeit, die du ohne Singen verbracht hast?
Letztes Jahr im Januar als wir mit Freunden in Costa Rica waren, habe ich einen Monat lang nicht gesungen. Wir haben einige Lieder zusammen im Auto gesungen, aber ich habe nicht wirklich geübt.
Hattest du danach Anfangsprobleme ?
Ja. Ich habe verrückte Atemübungen im Hotelzimmer gemacht und habe mit Panik an den Tag gedacht, an dem ich wieder zu Üben anfangen musste. Es erfordert intensives Üben um beim Singen eine gute Kondition zu erlangen. Pianisten sagen auch, dass sie das Gefühl für die Tasten verlieren, wenn sie eine Zeitlang nicht spielen.
Ein großes, schwarzes Yo-Yo
In welchem Stadium befindet sich dein Soloalbum?
Wir haben gerade erst damit angefangen. Momentan suchen wir nach Liedern und nach Leuten für unser Team. Nächstes Jahr werden wir ins Studio gehen.
Was macht dich an deinem Soloalbum am meisten nervös?
Das erste Soloalbum ist eine Herausforderung, denn damit demonstriere ich meinen Musilstil. Das Album wird vielseitig sein, aber ich bin immer noch nervös, ob die Leute es auch mögen werden.
Du übst das Singen ja zu Hause. Was sagen deine Nachbarn dazu?
Sie haben da nichts dagegen. Wir haben erst vor kurzem neue Nachbarn bekommen und ich bin hinüber gegangen um mich vorzustellen. Sie sagten, dass sie da gerne zuhören. Der Job eines Sängers ist sehr schön und es wäre traurig, wenn ich zu Hause nicht üben könnte.
Hast du schon einmal einen Glasgegenstand mit deiner Stimme zum Zerspringen gebracht ?
In der Schule hatten meine Freundinnen ihren Spass, als ich von einer Übungsstunde kam und sie mir sagten, dass die Lampe zersprungen sei. Es war eine alte Neonlampe, die ihre besten Zeiten eh schon hinter sich hatte. Es war nur eine Frage der richtigen Schwingung um sie zum Zerbrechen zu bringen. Ich habe dem Direktor aber nie etwas davon gesagt.
Du hast gesagt, dass es der schlimmste Albtraum eines Sängers ist, Grippe zu haben. Was ist der zweitschlimmste ?
Schlafmangel. Das beeinflusst sofort den Vortrag. Auf Tour versucht man soviel Ruhe zu bekommen wie möglich, egal welche Tageszeit gerade ist. Doch trotzdem ist man nach drei, vier Wochen völlig am Ende.
Mit welchem Sänger würdest du gerne ein Duett singen?
Es wäre schön mit Freddie Mercury zu singen. Er war ein sehr charismatischer Sänger mit einer brillanten, musischen Intuition.
Du lebst zum Teil in Argentinien. Wie verhalten sich Argentinier, wenn sie Musik hören?
Der Applaus ist gewaltig, das kann aber auch daran liegen, dass sie denken, ich gehöre ihnen. Von der Bühne aus kann man eine riesige,
schwarze Menschenmenge sehen, die sich wie ein Yo-Yo bewegt. Wenn Argentinier applaudieren tun sie das wirklich vom Grunde ihres Herzens.
Windwischer
Man sagt, du bist ein Kirchenfreak. Woher kommt diese Faszination ?
Während einer Tour sind Kirchen ein Ort, an dem man all dem Lärm und Tumult entgehen kann. Man kann dort vollständig man selbst sein,
seinen innersten Gedanken nachgehen und auch mal Danke sagen. Es ist erschreckend zu sehen, wie selten die Menschen zur Ruhe kommen
um auf ihre innere Stimme zu hören.
Welches ist die beeindruckenste Kirche, in der du gewesen bist?
Die Kathedrale von Montreal ist ganz mit dunklem Holz verziert und sie hat einen beeindruckenden Fußboden aus Türkisen. Sie haben Türkise auch im Dekor verwendet. Das ist eine wirklich schöne Kirche.
An was glaubst du ?
Ich bin eigentlich evangelisch. Ich glaube an Gott, aber für mich ist es am wichtigsten meinem eigenen Glauben zu folgen.
Angelina Jolie hat gesagt, dass sie ein Drittel ihres Einkommens der Wohlfahrt spendet. Was trägst du dazu bei? Hast du darüber nachgedacht,
deine Bekanntheit für die Wohlfahrt zu nutzen?
Jolie hat einen viel größeren Status als ich. Wenn ich so berühmt wäre, würde ich das ähnlich machen und auch mehr tun, als ich das jetzt kann. Im November werde ich zum Beispiel in einem Unicef - Konzert singen, dessen Einnahmen für Kinder aus Laos und Karelien verwendet werden. Ich mache auch einige wohltätige Sachen außerhalb der Öffentlichkeit.
Du vermischt manchmal Ausdrücke. Zum Beispiel hast du einmal ein Glasfaserboot als Silikonboot bezeichnet. Wann ist dir was Ähnliches zum letzten Mal passiert?
Zu Hause spreche ich Englisch, in Argentinien Spanisch und ich habe auch in Deutschland studiert, deswegen vermische ich das manchmal mit Finnischen Wörtern, Ich glaube das letzte Mal war, als ich Marcelo fragte, warum er die Windwischer eingeschaltet hat. Dabei meinte ich natürlich die Scheibenwischer.
Tarja unterstützt Finnland
Du hast deine Nightwish - Kleider verkauft und dir dafür einen Neoprenanzug besorgt. Wie fühlst du dich darin?
Wie eine Ente. Mir ist immer kalt und deswegen ist es schön, dass ich mit dem Anzug lange in den finnischen Seen schwimmen gehen kann, ohne dass mir kalt wird. Der Anzug sieht natürlich nicht unbedingt sexy aus.
Was denkst du, wenn du ein Mädchen siehst, dass dieselben Kleider trägt wie du damals in Nightwish?
Ich weiß, dass viele Mädchen sich meine Kleider nachmachen lassen. Das ist natürlich schmeichelhaft, aber es ist auch ein wenig verrückt. Aber es ist auch ein wenig verrückt, wenn ein Fan um die halbe Welt reist, nur um einen Gig von mir zu sehen und dann auch noch dieselbe Kleidung trägt.
Was ist der schrecklichste Song, den du jemals gehört hast?
Da gibt es keinen. "Schrecklich" ist ein zu hartes Wort. Es gibt da all diese Sommerhits, aber die sind eher amüsant.
Was würdest du in der Finnischen Oper gerne weiterentwickeln?
Diese Frage ist eine Nummer zu groß für mich. Ich habe ja im Ausland immer die finnische Fahne geschwenkt. Es wäre schön, die finnische Oper noch mehr im Ausland bekannt zu machen.
Der Garten verwildert, Marcelo mäht den Rasen
Ich habe gehört, dass du dich gerne mit Gartenarbeit beschäftigst. Und was macht der Garten so?
Er verwildert, da sich niemand drum kümmert. Wir haben Pläne, den Garten im Herbst neu anzulegen.
Hilft dir Marcelo beim Unkraut jäten?
Marcelo mäht den Rasen und ich jäte das Unkraut.
Was stört dich an der finnischen Gesellschaft am meisten?
Dass die Leute nicht sehen, wie gut sie es haben. Es gibt nur wenige Länder, denen es besser geht als Finnland.
Du hast im MeNaiset-Artikel gesagt, dass du nun wieder zu lachen wagst. Wie sieht dieses Lachen aus?
Fröhlich. Ich lache ziemlich oft.
Was ist der beste Rat, den dir deine Mutter fürs Leben mitgegeben hat?
Dass man sich selbst treu bleiben soll.
Du trittst heute in Rhapsody in Rock auf. Wie sieht die Setliste aus?
Alle möglichen verschiedenen Songs. Ich singe zum Beispiel Popsongs, und Stücke aus dem Musical - und Rockbereich.